Von euphorischer Melancholie

Persönlicher Blog von Belén Haefely

20.01.2019

Ist richtig gut genug?

Ich war immer ein Prinzipienmensch. Ich bin es noch. Doch nur weil man zurzeit denkt, für sich die Lösung gefunden zu haben, heisst das nicht, dass man seine Wahl hinsichtlich Handlungsprinzip nicht immer wieder hinterfragt und hinterfragen muss. Und selbst wenn man beim Folgen der eigenen Gedankengänge doch wieder einen schlüssigen Zirkel erkennt, ist es manchmal notwendig, diesen Zirkel neu mitzugehen, um sich an jeden Moment der Kurve zu erinnern. So viel zur Rechtfertigung.

Was moralisch richtig ist, kann niemals nur falsch sein, so meine Überzeugung. Denn im Gegensatz zur rationalen Moral, den eigenen, durchdachten und aus bestimmten Gründen festgelegten Prinzipien, sind Gefühle überaus fehleranfällig, weil überaus wechselhaft. Doch scheint es nicht manchmal so, als ob unmittelbar handelnde Menschen sehr viel näher am Glück sind? Ich würde Gefühlen nie abschwören, aber trotzdem scheint mir die Prämisse, dass Bauchhandeln immer richtig liegt, zu einfach. Zu wenig Kopf; was in meiner Welt nichts Gutes heisst. Man denkt jeden Monat, jeden Tag, teils auch jede Stunde anders über gewisse Sachen, fühlt sich anders, je nach Verknüpfung verschiedener emotionaler und äusserer Einflüsse. Und da soll eine willkürlich abgefragte Momentaufnahme richtiger liegen, als mühsames Abwägen? Klingt nach Schönreden. Also machte ich die beschriebene rationale Moral zu meinem Handlungsprinzip (einem subjektivem, wohlgemerkt). Doch was, wenn der Übergang von der Moral als Richtlinie zu ihr als oberste Prämisse schleichend verläuft? Wenn man gar plötzlich Gefahr läuft, dem bereits Durchdachten blind zu vertrauen? Handelt man dann tatsächlich immer noch gut? Oder einfach richtig?

Generell habe ich mit meiner rationalen Moral nicht allzu schlechte Erfahrungen gemacht; wenn auch lange nicht nur einfache. Wenn man das Gefühl hat, dass eine nahezu unbesiegbare Angst sich aufbaut, raten viele Psychologen zum Aushalten der Angst, ihres Verdichtens, Ausdehnens, bis zum Zenit. Dann, so wird versprochen, kommt der Punkt, an dem man realisiert, dass einem auch auf dem Gipfel des Ertragbaren nichts geschieht. Und diese Lernerfahrung wird grösser und grösser, bis sie schlussendlich gross genug ist, um die ganze Kumulierung der Angstwellen zu überspülen. So ähnlich haben sich meine Erfahrungen mit der rationalen Moral angefühlt: Egal wie schmerzhaft der Moment war, die Dankbarkeit dafür, dass man, mit der Kraft eines Matrosen, der sich auf einem ächzenden Schiff im Sturm an den Masten klammert, an seinen Prinzipien festgehalten hat, war im Nachhinein immer weitaus grösser. Und was noch viel wichtiger ist: es war stets eine ehrliche, eigene Dankbarkeit. Keine gut zuredende, übergestülpte, aufgezwungene – denn eine solche hätte den Matrosen keine zwei Stunden im Sturm überleben lassen. Trotzdem musste ich mir neulich die Frage stellen, ob man, wenn man jede Entscheidung hinsichtlich einer guten Zukunft trifft, überhaupt noch im Moment lebt, leben kann. Bräuchte man zur Kontrolle der Entscheidungen nicht eine Deadline? Ja. Hab ich. Keine zeitliche. Eine emotionale. Ironischerweise. Entscheidungen nach meinem rationalen Moralprinzip, die sich nur auf mich und mein Leben beziehen, treffe ich, wie ich festgestellt habe, hinsichtlich eines künftigen Gefühls der Zufriedenheit. Definiert durch gewisse Bilder und Momente, die ich hoffe, einmal erleben zu können, und die deswegen (hoffentlich) so vollkommen sein werden, weil ich sie auf einem Weg erreicht habe, hinter dem ich stehen kann. Gestern, genauso wie heute, genauso wie morgen. Ob das nun rational ist? Schwierig zu sagen. Aber unmittelbar und aus dem Bauch heraus bestimmt nicht. Und prinzipientreu definitiv.